
Guy Livingston ist vielseitig tätig als Pianist und Produzent
diesseits und jenseits
des Atlantiks. In Paris lebend, gibt er Konzertabende im Louvre, Théâtre
du
Châtelet und im Centre Pompidou. Seine Konzerte führten
ihn auch nach Holland
(De IJsbreker, Paradiso, Korzo, Vredenburg), Russland, Italien, Polen,
Deutschland
und Südafrika. In New York gab er Konzertabende am Lincoln Center,
in der Knitting
Factory, der Cooper Union, der New York Public Library for the Performing
Arts und an der Columbia University.
Guy Livingston gehört heute zu den führenden Interpreten
und Förderern
der Musik von George Antheil. Das Konzert in Paris zu Antheils 100.
Geburtstag
sowie das George Antheil Festival 2003 in Trenton standen unter seiner
Leitung.
Seine Artikel erschienen u. a. in NewMusicBox, in der Neuen Zeitschrift
für
Musik und dem Princeton Library Chronicle. Er ist Generalsekretär
der Gesellschaft
Les Amis de George Antheil in Paris.
Livingston besitzt Hochschulabschlüsse von der Yale University,
dem New
England Conservatory of Music sowie dem Königlichen Konservatorium
der
Niederlande. Zu den ihm verliehenen Preisen und Auszeichnungen gehören
u. a.
das Huntington Beebe Scholarship, der fünfte Preis der Gaudeamus
Competition
1995 und das Harriet Hale Woolley Scholarship; außerdem war
er Finalist der
beim Concours International Piano du XXème Siècle in
Orléans und beim
Concurso Internacional de Música Contemporánea de Sitges
(Barcelona). Guy
Livingston wird durch Omicron Artist Management vertreten.
Guy Livingstons jüngste CD Don’t Panic (WERGO WER 66492)
enthält 60
einminütige Ersteinspielungen von Komponisten aus 18 Ländern
und wurde u. a.
von Le Monde, Sports Illustrated, The New York Times und in der Weekend
Edition von NPR hoch gelobt. Zuletzt ist er mit dem Orchestre de la
Gironde,
dem niederländischen NCRV Rundfunkorchester und dem Chicago Symphony
Orchestra aufgetreten.
(Übersetzung aus dem Englischen: Esther Dubielzig)
CDs
Don't Panic (60 Seconds for Piano)
The Lost Sonatas of George Antheil
Presse

"DON’T PANIC! SIXTY SECONDS FOR
PIANO"
Guy Livingston im Neuen Museum Nürnberg,
15. Dezember 2002
Alles ist erlaubt, es gibt nur eine einzige
Voraussetzung: Nach 60 Sekunden muss der Spuk vorüber sein. Die
Zeit läuft, wenn Guy Livingston in die Tasten greift. Seit 1996
macht der US-Pianist mit Wahlheimat Paris kurzen Prozess. Mit einer
gepflegten Sonntagsmatinee im "Neuen Museum" gab es sein
ungewöhnliches Projekt nun auch in Nürnberg zu erleben:
60 Klavierstücke, von denen keines länger als eine Minute
dauert. Von verspielt-scherzhaften Läufen über atonale Experimente,
bei denen die Saiten im geöffneten Steinway bearbeitet werden,
hin zu entspannt-jazzigen Barnummern reicht der kurzweilige Reigen.
"Piece For Paw" ist der mitprotokollierte Weg einer New
Yorker Katze über die Tasten, "Nakano-ku" eine schnelle
Nummer in einem japanischen Rotlichtviertel, für "Theft"
existiert sogar ein Text, der in Windeseile heruntergelesen werden
muss. "DD (Double D)" steht in den USA für die größtmögliche
Körbchengröße und kann von einer Frau, die mit einer
derartigen Oberweite gesegnet ist, gar nicht gespielt werden, wie
Moderator Moritz Eggert dem schwer amüsierten Publikum lächelnd
verrät. Ein Spaß!
60 Stücke aus 18 Ländern spielt
Guy Livingston an diesem Vormittag im gutbesuchten Auditorium des
"NMN", darunter zwei Uraufführungen der Nürnberger
Komponisten Stefan Poetzsch und Stefan Hippe. Die Idee stammt von
einem Kumpel, der eine komplette Oper geschrieben hatte, die eine
halbe Minute dauert. Über das Internet fand Livingston daraufhin
Komponisten, die bereit waren, ihm ein Klavier-Solo für seine
schräge Projektreihe zu schreiben. Inzwischen hat der hagere
Pianist weit über hundert Quickies aus aller Herren Länder
zusammengetragen - genug Stoff also für eine Fortsetzung. In
diesem Sinne: Spiel’s nochmal, Guy - aber fass’ dich kurz!
Guy Livingstons Antheil-Einspielung zur CD
des Doppelmonats gekürt
SIKORSKI Aktuelles
Die WERGO-Neuveröffentlichung (WERGO 6661 2) mit den sogenannten
„lost sonatas“ von George Antheil, eingespielt von dem
hervorragenden Pianisten Guy Livingston, wurde von den Kritikern des
Fachmagazins „Piano News“ (1/04) zur Doppel-CD des Doppelmonats
gekürt. In der Begründung heißt es u.a.:
„Der Titel von Guy Livingstons neuer,
faszinierender CD ist verwirrend und streng genommen auch falsch.
Die fünf angeblichen „Lost Sonatas“ von George Antheil
waren nämlich weder verschollen noch jemals verloren gegangen.
Sie waren einzig und allein schwer zugänglich, was zur Folge
hatte, dass ein ganzer Stab von Musikwissenschaftlern, Lektoren und
Rechtsnachfolgern über Jahrzehnte hinweg damit beschäftigt
war, den Nachlass des neben Samuel Barber und John Cage gewiss interessantesten
amerikanischen Komponisten des 20. Jahrhunderts zu sichten und zur
Veröffentlichung vorzubereiten. Erst vor kurzem ist es dem aus
Leverkusen stammenden Michael Rische gelungen, die Partitur eines
frühen Klavierkonzertes von Antheil aufzuspüren und am 5.
März 2001 in London zur Uraufführung zu bringen. Zu den
Antheil-Rennern auf internationalen Konzertbühnen gehören
zweifellos die „Jazz Symphony“ und das „Ballet mécanique“.
Vielleicht wird dank Risches Engagement auch das raffinierte, überaus
lebendige Klavierkonzert bald dazugehören.
Livingston nun hat sich Antheils Solo-Literatur zugewandt und fünf
Sonaten zur Einspielung gebracht, die über den amerikanischen
Verlag G. Schirmer zum Teil bereits als Druckausgaben zur Verfügung
standen oder aber als Manuskriptkopie hätten bestellt werden
können. Dies trifft vor allem für die 2. Klaviersonate,
die sogenannte „Woman Sonata“, zu (Schirmer-Druckausgabe:
GS 482088). Auf dem CD-Markt indessen sind diese Werke in solcher
Vollständigkeit ein Novum. Die „Woman Sonata“, die
dritte und die fünfte Klaviersonate sind Weltersteinspielungen.
Exzellent interpretiert und überaus schwungvoll widmet sich Livingston
den krausen und teilweise provokativen Stücken, die dem Jazz
der Vorkriegszeit zutiefst verpflichtet sind. Er selbst sagt über
Antheil: „In den 20er Jahren begeisterte und elektrisierte Antheil
das europäische Publikum mit seiner _cineastischen’ Würzmischung
aus Jazz und Ragtime, Süße und explosivem Krach. (...)
Gegenrhythmen, hämmernde Ostinati, Klangtrauben, Verschmelzungstechniken,
plötzliche Aneinanderreihung von Themen, Stilen und Dynamiken
werden hier auf die Spitze getrieben.“ Das war schon zu Zeiten
Antheils kein Mainstream-Jazz und keine leichte Klassik mehr. Livingston
scheint sich – vielleicht noch radikaler als Michael Rische
– die Radikalität dieser Musik vor Augen zu halten.“
(07.01.2004)
Das George-Antheil-Festival
in Trenton, New Jersey von Julia Schmidt-Pirro
MusikTexte 97
scher Kunstmusik und amerikanischen Alltagsidiomen
interpretierte. Lynn Garafola, eine New Yorker Tanzpädagogin, widmete
sich der bisher wenig beachteten Zusammenarbeit zwischen George Balanchine
und Antheil, die zu einer Reihe von interessanten zum Teil unrealisierten
Werken geführt hat. Einen Schwerpunkt im Programm nahm das frühe experimentelle
„Ballet mécanique” von 1925 ein, das der Komponist als Filmmusik zu
dem Fernand- Léger-Film gleichen Titels entworfen hat. Die ursprüngliche
Version des Werks für sechzehn Pianolas, elektrische Klingeln, Flugzeugpropeller
und diverse Schlagzeuginstrumente weist von seinen technischen Ansprüchen
her weit in die Zukunft und war zu Antheils Lebzeiten nicht realisierbar.
Dieser Umstand veranlaßte den Komponisten, die Instrumentation des
Werks mehrere Male umzuarbeiten. Ähnliche Schwierigkeiten zeigten
sich bei der Synchronisation von Film und Musik, was dazu führte,
daß beide Werke zunächst unabhängig voneinander bekannt wurden. Das
Festival widmete sich dem „Ballet mécanique” in mehrerer Hinsicht.
Paul Lehrman, ein Computermusik- und MIDI-Spezialist, dem es mit Hilfe
neuester Computertechnologie gelang, die originale Version für sechzehn
Pianolas erstmals zum Leben zu erwecken, referierte über dieses aufwendige
Projekt und über seine Bemühungen Film und Musik zu synchronisieren,
ein Höhepunkt des Antheil-Festivals. Im Zusammenwirken von Musik und
Film zeigte sich das Werk als faszinierende Montage, die in ihrem
schwindelnden Tempo von turbulenten Kameraschnitten und schnellen
Bewegungsabläufen, begleitet von hämmernden Akkordwiederholungen,
problemlos zeitgenössischen Video-Clips, wie sie der Fernsehkanal
MTV ausstrahlt, den Rang abläuft. Anknüpfend an die Modernität des
Werks beschäftigte sich mein Referat mit dem ästhetischen Hintergrund
der Komposition, seiner Idee von Stille, einer Musikleinwand und eines
„Time-Space- Kontinuums”, wodurch es spätere musikästhetische und
kompositionstechnische Entwicklungen amerikanischer Avantgarde- Komponisten,
wie John Cage, Morton Feldman und der Minimalisten vorwegnimmt. Der
Dirigent Maurice Peress, der „Baltropole, die nach Antheils Aussagen
seine frühe rhythmische Maschinenmusik inspiriert hat, stellt sich
heute eher heruntergekommen dar, als eine Stadt auf deren Straßen
sich Schlagloch an Schlagloch reiht. Um so erstaunlicher erschien
es, daß sich hier eine rege Diskussion entspinnen konnte, die die
Vergangenheit wiederbelebte. Die Vorträge fanden in dem weiten Raum
eines alten Industriegebäudes statt, mit großen Fenstern und Ausblicken
auf die Stadt. Das Publikum war aufgeweckt und interessiert. Unter
ihm befanden sich viele junge Leute, Studenten aus New York, Baltimore
und Umgebung, aber auch eine siebzigjährige Rentnerin, die sich als
Pianistin mit einer Juilliard-Ausbildung für den Komponisten ihrer
Heimatstadt Trenton interessierte und die vom anderen Ende der Stadt
zu Fuß zur Konferenz gepilgert war. Ehrengast des Festivals war der
Komponist und Musikologe Charles Amirkhanian als der Nachlaßverwalter
Antheils, der mit seinem weitgefächerten Wissen die Konferenz mit
neuen Fakten und Fragen bereicherte. Als Leiter der Diskussionsrunde
„Ballet frénetique: The Multiple Lives of George Antheil” balancierte
er die verschiedenen Forschungshintergründe der Teilnehmer geschickt,
so daß sich ein buntes Bild von Antheil als einer Person abzeichnete,
die zwischen zwei Kulturen stand, die begabt und mit unermüdlicher
Energie sich verschiedensten Projekten auch außerhalb des musikalischen
Bereichs passioniert betrieben hat. Als weiterer „special guest“ war
Mauro Piccinini aus Triest eingeladen, der über beide Kontinente,
Amerika und Europa, hinweg eine umfangreiche Sammlung von verschiedensten
Briefen und Materialien zusammengetragen hat. Piccinini präsentierte
einen Vortrag über die interessante Zusammenarbeit zwischen James
Jocye und Antheil, die er mit zahlreichen Briefstellen illustrierte.
Piccinini stellte Antheils Skizzen zu der unvollendeten Oper „Cyclops”
vor, die Antheil selbst als „Sacre du printemps” der Zukunft bezeichnet
hat. Das Thema der amerikanischen und europäischen Kulturvermischung,
daß sich wie ein roter Faden durch die Vorträge und Diskussionen zog,
wurde durch einen Vortrag von Mary Davis näher beleuchtet, in dem
sie Antheils Stil als eine ganz eigene Mischung zwischen französi-
Das George Antheil gewidmete Festival in Trenton, New Jersey, das
von dem Pianisten Guy Livingston und dem Komponisten Frank Brickle
organisiert wurde, bot eine bunte und abwechslungsreiche Mischung
von wissenschaftlichen Vorträgen, Filmen, Konzerten und einer Tanzparty,
die dem vielfältig engagierten Antheil sicherlich gefallen hätte.
Der „Bad Boy of Music”, wie Antheil sich selbst in seiner Autobiographie
nannte, war US-Amerikaner deutscher Herkunft. In den zwanziger Jahren
zog es ihn, wie viele andere amerikanische Künstler der Zeit nach
Europa, wo er als Mitzwanzigjähriger eine steile Karriere als moderner
Konzertpianist und Komponist entfaltete. Mit einem Hang zu sensationellen
Aufführungen und dem Wunsch nach großer Popularität hatte Antheil
– nicht ganz zu Unrecht – lebenslang damit zu kämpfen, sich als ernsthaften
Komponisten zu präsentieren, der sich nicht nur nach dem neuesten
Trend richtete, sondern auch konstruktiv neue musikalische Ergebnisse
formuliert hat. Nachdem er lange Zeit als Randfigur der amerikanischen
Musikszene behandelt wurde, läßt sich seit Ende der neunziger Jahre
ein wachsendes Interesse am Komponisten Antheil und seinem Werk beobachten.
Das Antheil-Festival in Trenton kann als ein weiteres Zeichen für
eine Antheil-Renaissance verstanden werden. Der Dokumentarfilm „Bad
Boy Made Good” von Paul Lehrman lieferte einen Einstieg in seinen
eigentlich tragischen Lebensweg. Er beschrieb den Werdegang eines
Komponisten, der nach anfänglicher Popularität in Europa als ultramoderner
Komponist bei seiner Rückkehr nach Amerika mit der Findung eines neuen
weniger aggressiven und modernen Stils gekämpft hat, den es in seiner
zweiten Lebenshälfte teils aus finanziellen Gründen nach Hollywood
zog, wo er in einem anstrengenden Arbeitsrhythmus Filmmusik und „ernsthafte”
Musik komponierte und der dann im frühen Alter von achtundfünfzig
Jahren an einem Herzanfall gestorben ist. Antheils Leben wurde durch
Familienphotos und persönliche Lebensgeschichten, die Antheils Neffe
Arthur Antheil McTighe mitteilte, näher veranschaulicht. Trenton,
der Veranstaltungsort des Festivals, war die Heimatstadt des Komponisten.
Einst eine lebhafte Industrieme- „Bad Boy Made Good“
Wo sind wir?
Fono Forum
Is das schon das neue oder gehört das noch zum alten Stück?
Ein kurses Abschweifen vom Inhaltsverzeihnis zieht unweigerlich Orientierungsprobleme
nach sich. Der amerikanisch Pianist Guy Livingston hat 60 Komponisten
aus 18 Ländern beauftragt, Werke zu schreiben, die nicht länger
als eine Minute dauern. Wohl dem, der eine Fernbedienung besitzt.
Alzugenau nahmen die Beauftiagten den Zeitrahmen nicht, liegen die
Beiträge doch zwizhen 21 under 116 Sekunden länge. Ihre
Absender, sumeist junge, überweigened in den USA beheimate Musiker
(Meister Boulex had vorsichthalber abgesagt), kommen aus allen erdenklichen
Ecken. So gibt es hier nichts was es nicht gibt konsequente Reduktion
und spielerische Motorik, traditionaller klavierklang, Piäparationen
und elektronische Manipulationen. Moritz Egert, der einzige deutsche
Vertreter, fuhrt dir Grunidee auf sympatishce Weise ad absurdum. Er
bringht in einer Minute 60 Sekundenstücke unter, deren Titel
er atemlos über das fahrige Geklimper sprechen lässt. Die
Faszination des Aphorismus liegt auf der Hand; spätests seit
der Zweiten Wiener Schule wissen wir das kurse Stück or sciner
hoch konzentrierte Ausdrucksverdichtung zu schätzen. Hier jedoch
hat man selten den Eindruck, dass Bedeutsames mitgeteilt würde.
Von einem Kaleidoskop zeitgenoschischer Musik zu sprechen, wäre
angesichts der Restriktionen schlichtweg übertrieben. Guy Livingston
springt mit großer Souveränitat, Virtuosität von einem
idiom zum nächsten.
Dirke Wieschollek
100 fürs Leben:
Minute
Stuttgarter Zeitung online
Schießen Sie bitte nicht auf den Pianisten! Er tut nichts. Er
will nur neue Musik spielen. Sechzig Mal ungefShr eine Minute lang
und immer ein anderes Stück. Weltmusik, wenn man so will, denn
die Kompositionen kommen aus Toronto und Los Angeles, Vilnius und
Dublin, Mailand, München und dem mittlerweile sagenhaften Tallahassee.
Der junge Mann mit diesem Wahnsinnseinfall heißt im ^brigen
Guy Livingston, hat bei John Cage studiert, was einen nicht erstaunt,
und wohnt in Paris, was auch nicht weiter wundert. Wenn Livingston
nicht gerade Livingston spielt oder Stücke, die für Livingston
geschrieben worden sind, setzt er sich für die futuristische
Musik von George Antheil ein. Und jetzt gsnnen Sie sich einfach mal
ein paar Minuten Zeit. Sie werden staunen, was man mit einem Klavier
in sechzig Sekunden alles machen kann.
Folge 35: Guy Livingston. Don't panic! 60 Seconds for Piano. Wergo
(WER) 66492.